CoreCheck Podcast

Funktionelle Medizin – Hoffnungsträger oder Parallelwelt?

Rolf Duda & Christian Burkhardt Season 2 Episode 1

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[Werbung in eigener Sache] Christian Burkhardt ist Gründer von Mitocare. Mitocare wird in dieser Folge thematisiert.

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Was, wenn dein Hausarzt gar nicht weiß, warum du immer müde bist? Und was, wenn dein großes Blutbild eigentlich kaum aussagekräftig ist?

In dieser Folge spricht Rolf Duda mit Christian Burkhardt (Facharzt für Allgemeinmedizin und Gründer von Mitocare) über die größten Schwächen der klassischen Schulmedizin – und warum funktionelle Medizin der logische nächste Schritt ist.

🎯 Das nimmst du mit:
🔬 Warum dein Arzt nur 10 Minuten Zeit für dich hat
🔬 Was wirklich hinter Leitlinien steckt – und warum Ärzte rechtlich gefangen sind
🔬 Ist funktionelle Medizin nur Luxus für Wohlhabende?
🔬 Was du für 500–700 € Diagnostik tatsächlich erfährst
🔬 Warum Krankheiten auf der Zell-Ebene beginnen – und nicht im Organ
🔬 Wie KI die medizinische Forschung gerade revolutioniert

🎬 Kapitel:
00:00 – Warum dein Arzt dich nicht heilen darf
01:53 – Das 10-Minuten-Problem der Schulmedizin
06:24 – Leitlinien: Wenn Ärzte rechtlich erpressbar werden
09:32 – Funktionelle Medizin: Luxus oder echte Lösung?
11:30 – Warum dein „großes Blutbild" wertlos ist
14:32 – Was du für 600 € wirklich erfährst
16:15 – Die Zell-Ebene: Wo Krankheiten beginnen
19:05 – Warum macht das nicht jeder Arzt?
21:33 – Christians Krebs-Patient: Der Wendepunkt
26:08 – Körper, Geist, Seele: Der ganzheitliche Ansatz
28:21 – Wer muss die Revolution starten?
30:29 – Das Geld-Problem in der medizinischen Forschung
33:48 – KI als Hoffnung der modernen Medizin
35:38 – Die psychosomatische Lücke der Medizin
37:23 – Die 3 CoreChecks zum Mitnehmen

🎙️ Über die Gäste:
Christian Burkhardt ist Facharzt für Allgemeinmedizin und Gründer von Mitocare. Rolf Duda (alias Peakwolf) ist Longevity-Experte und Biohacker.

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⚠️ Dies ist ein Meinungs-Podcast. Die Inhalte stellen keine medizinische Beratung dar und ersetzen keinen Arztbesuch. Bei gesundheitlichen Beschwerden konsultiere bitte einen Arzt oder qualifizierten Therapeuten.

SPEAKER_01

Was, wenn dein Hausarzt gar nicht weiß, warum du immer müde bist? Was ist, wenn dein großes Blutbild zwar perfekt ist, du dich trotzdem aber immer scheiße fühlst? Mit genau diesen Sachen gehen wir heute auf den Grund und stellen uns die Frage, ist funktionelle Medizin eine logische Weiterentwicklung der klassischen Schulmedizin oder nur ein Luxus für Wohlhabende? Willkommen bei Korcheck, dem Podcast, der Dingen auf den Grund geht.

SPEAKER_00

Ja, und mein Name ist Christian Burkert, ich bin Fachrat für Allgemeinmedizin in München, Gründer von MitoCare und freue mich so richtig auf einen funktionellen Medizin-Podcast heute mit dir, Rolf.

SPEAKER_01

Mein Name ist Rolf Duda, ich bin alias Piekwolf und bin als Longevity-Experte und Biohacker unterwegs, werde in unserem Podcast zukünftig die provokanten Fragen stellen und das Ärzte Kauderwelch vom Christian ein wenig in Mainstream-Dinge übersetzen.

SPEAKER_00

Genau, ich werde sozusagen dafür sorgen, dass dann der wissenschaftliche Teil hier auch korrekt wiedergegeben wird, weil das, was der Pikwolf sagt, ja manchmal vielleicht nur in der Schwurbelecke zu finden ist.

SPEAKER_01

Das mag so sein, aber mir ist es natürlich immer ganz wichtig, dass wir Dinge wirklich verstehen, auf den Grund gehen können, das heißt sachlich belegen. Und ich glaube, wir werden einfach einen schönen Dialog haben, weil viele Dinge, über die wir reden, ist es mir immer wichtig, am eigenen Körper zu spüren. Und die ein oder andere Challenge haben wir ja für künftige Folgen schon vorbereitet. Heute wollen wir aber ganz einfach mal einsteigen und uns mal dem ganzen Thema funktionelle Medizin widmen. Und meine Frage, die ich dir gerne stellen würde, wäre erstmal einen kleinen Rahmen zu schaffen, bevor wir in die funktionelle Medizin gehen, mal zu schauen, was ist denn das Problem mit der Schulmedizin, über die heute so viel geschimpft wird.

SPEAKER_00

Das Problem mit der Schulmedizin ist, dass sie sich in manchen Dingen nicht weiterentwickelt. Das heißt, die Menschen sind immer kränker, sie fühlen sich nicht wohl, wir haben unendlich viele Ausgaben im Bereich der Medizin, Gesundheitskosten, aber eigentlich führt das nicht zu mehr Wohlbefinden beim Menschen. Und das ist das Thema, mehr Geld wird ausgegeben, aber die Krankheitsgefühle, die Krankheitslast steigt immer mehr an, ist eigentlich das Leitproblem der Schulmedizin. Und das ist deswegen entstanden, weil im Endeffekt die Schulmedizin mittlerweile eine Leitlinienmedizin ist. Das heißt, es wird eigentlich vorgegeben, was die Ärzte zu tun haben, diagnostisch und auch therapeutisch bei Krankheiten. Und dieses Pressen in Leitlinien verhindert im Endeffekt das Denken der Mediziner, dass die über die Leitlinien hinausdenken und auch mal neue Wege gehen. Und das ist, warum die funktionelle Medizin überhaupt entstanden ist.

SPEAKER_01

Okay, lass uns hier nochmal kurz zurück, weil das Thema ist ja, die meisten Leute schimpfen über ihren Arzt, rennen aber trotzdem dahin. Ich höre permanent Sachen wie, ja, warum hat mein Arzt mir das und hier nicht gesagt? Und da ist ganz viel, wo man sich wünscht. Also die Anforderungsdenken oder Haltung bei den Leuten ist ganz, ganz hoch. Und gleichzeitig sehe ich aber auch, dass der Arzt das ja gar nicht leisten kann, aus meiner Sicht auch vieles gar nicht leisten muss. Wo aber dann darüber geschimpft wird, nachher. Das heißt, man hat eine gewisse Erwartungshaltung, ist aber unzufrieden. Und da würde ich gerne anfangen, wo kommt denn das Problem her?

SPEAKER_00

Das Problem ist im Endeffekt, dass Medizin teuer ist und die wissenschaftliche Weiterentwicklung so grandios geworden ist, dass die Gesamtmöglichkeiten, die wir in der Medizin mittlerweile haben, durch die normale Medizin nicht mehr abgedeckt werden, kann schon allein der Kosten wegen und weil es auch unendlich viel Zeit kosten würde, wenn man das umsetzen würde.

SPEAKER_01

Wie viel Zeit hast du denn als Hausarzt für einen Patient im Durchschnitt, damit das finanziell Sinn macht? So um die zehn Minuten ist so der klassische Rahmen. Okay, und das ist jetzt erst schon mal was, wo ganz viele Leute rumheulen und sagen, mein Arzt, der versteht mich gar nicht, weil, jetzt würde ich da argumentieren, Logo versteht er dich nicht, weil allein zu erklären, was du eigentlich willst, dauert länger als zehn Minuten.

SPEAKER_00

Genau, wenn die dann mit ihrer Anamnese anfangen, dann ist die 10-Minuten-Zeit eigentlich rum. Und deswegen will der Arzt die tiefe Anamnese gar nicht mehr haben, sondern er will eine Diagnose und dann eine Therapie und das ist in 10 Minuten möglich.

SPEAKER_01

Okay, und das liegt ja auch dann, also diese zehn Minuten kommen ja nicht einfach aus der Luft, sondern das liegt ja an finanziellen Vorgaben, die man hat, damit man seine Punkte zum Beispiel als Arzt bekommt, die man nachher abrechnen kann. Aber ist das jetzt das, wie wir die Schulmedizin subsumieren können? Dass wir sagen können, der Arzt hat eigentlich keinen Bock auf mich und mehr als zehn Minuten kriegt er eh nicht bezahlt.

SPEAKER_00

Genau, die Schulmedizin ist im Endeffekt zu einer Art Baukastenprinzip geworden. Wir haben klare Vorgaben, wie was wir zu tun haben, was wir nicht tun sollen. Und da man die Kosten im Griff halten wollte oder muss, ist das Ganze eben so starr geworden, dass der Arzt nicht mehr nach rechts und nicht mehr nach links schauen kann, sondern er arbeitet nach Schema F. Und das ermöglicht es halt nicht weiterzugehen in das, was heute möglich ist, nämlich in die moderne Diagnostik und Therapie, zum Beispiel bei chronischen Krankheiten.

SPEAKER_01

Wer ist denn da die Ursache? Ist das der Arzt, der keinen Bock hat und nicht weitergehen will? Oder ist es das System, was den Arzt mehr oder weniger dazu zwingt?

SPEAKER_00

Es ist das System und es ist aber ein bisschen komplizierter. Wir haben aus vielen Ecken sozusagen Wände, die aufgebaut werden, die es immer starrer machen. Einmal natürlich der Kostenpunkt. Moderne Medizin ist so unfassbar teuer, dass es nicht leistbar ist. Zweitens der Patient ist auch das Problem, der davon ausgeht, dass die Ärzte und der Staat einem ihm das Bestmögliche zukommen lassen müssen. Und das war auf Kosten des Staates, was aber nicht mehr möglich ist tatsächlich. Das dritte ist, der Arzt ist das Problem, weil er eben sich in diesem System gefangen nehmen lässt und auch in diesem System verbleibt und nicht versucht, aus dem System auszubrechen und moderne Medizin zu integrieren, über den Telleranz zu schauen. Okay.

SPEAKER_01

Die Ärzte, ich will das einfach einfach halten. Die Ärzte, die sind also durch das System, ja, das heißt durch die Vorgaben, die es gibt, in einem engen Korsett gefangen, sodass sie gar nicht groß Möglichkeit haben, dort auszubrechen. Richtig. Das ist vor allen Dingen der monetäre Aspekt. Also wie viel Zeit habe ich eigentlich, die ich bezahlt kriege, nachher von der Krankenkasse.

SPEAKER_00

Richtig. Das heißt, ich kann nur bestimmte Leistungen abrechnen. Also kann ich zum Beispiel Gesprächstherapie, die manchmal notwendig war, nicht umsetzen.

SPEAKER_01

Ja, und das ist ja ein Problem, wo man auch als Arzt in Konflikt kommt. Man will ja tendenziell den Leuten helfen. Also ich glaube, die wenigsten Leute werden Arzt, weil sie denken, das ist ein gechillter Beruf, wo man viel Geld verdient, sondern man will Leuten wirklich helfen und ist dafür bereit, auch eben diese ganzen negativen Aspekte des Berufes ja mitzutragen. Und jetzt sind auch viele Ärzte, mit denen ich rede, eben, sagen wir mal, unzufrieden, um das nett auszudrücken, wegen diesen systemischen Vorgaben. Du hast aber auch gesagt, wenn man dann einen Patienten hat mit einem bestimmten Krankheitsbild, gibt es einen bestimmten Ablauf, du hast das Leitlinien genannt, die man einhalten muss.

SPEAKER_00

Genau, und es wird ein sehr enger Rahmen gesetzt, welche Diagnostik ist möglich und welche Therapie ist möglich. Und das ist momentan nicht mehr State-of-Art-Medizin, sondern das ist im Endeffekt eine Leitlinie, die kostengünstig und effizient zu sein hat.

SPEAKER_01

Und diese Leitlinien, die werden ja vorgegeben den Ärzten. Also das haben wir im Vorgespräch ein bisschen angeschaut. Das heißt, du hast mir erklärt, so wie ich das verstanden habe, du kriegst als Arzt gewisse Rahmenbedingungen. Das heißt, ein Ärztegremium, das irgendwo herkommt, das definiert für Krankheit XY, ich sage mal Bluthochdruck, gibt es einen bestimmten Prozessablauf, an dem man sich entlang hangelt, wie man die Anamnese macht, was für Parameter man misst, was für Medikamente man also in der Therapie macht. Und wenn der Arzt sich daran hält, dann kommt der relativ effizient durch den Prozess.

SPEAKER_00

Genau, dann ist das hocheffizient und für den Arzt auch sicher. Denn die Leitlinie gibt es sozusagen einen Therapie- und Diagnostikstandard vor, der auch rechtlich abgesichert ist. Und wenn der Arzt aber über diesen Tellerrand schauen will und einen anderen Weg gehen will, dann befindet er sich schon wieder in einer rechtlichen Problematik, weil dann muss er sich wieder gegenüber dem Patienten schon absichern, dass wenn es dann nicht funktioniert, dass er dann nicht schuld ist.

SPEAKER_01

Aha, also du darfst als Arzt also sehr wohl von diesen Leitlinien abweichen, aber du hast dann das Risiko, so wie ich verstehe, du bist rechtlich belangbar.

SPEAKER_00

Genau, ich bin rechtlich angreifbar, weil ich ja etwas gemacht habe, was nicht leitlinienkonform ist. Und dann bin ich verpflichtet, sozusagen den Patienten darauf hinzuweisen, dass das ja dann nicht funktionieren kann. Okay, spannend.

SPEAKER_01

Das verstehe ich natürlich dann, dass viele Ärzte sich dort daran halten. Ich sehe jetzt drei Ebenen, die für mich hier kompliziert sind. Das eine ist das System selber, das bestimmte Sachen vorgibt und das kennen wir alle, Systeme sind sehr starr, gerade in großen, komplexen Geschichten wie der Gesundheit. Das zweite ist der Arzt, der halt die Risiken, aber auch die Anreize, also monetär hat, sich sehr nach diesem System zu richten. Und ein großes Risiko, wenn er da rausgeht. Und das dritte ist für mich jetzt hier aber auch der Patient, der vielleicht eine Anspruchshaltung hat, die gar nicht mehr realistisch ist.

SPEAKER_00

Das stimmt. Und deswegen braucht es die Weiterentwicklung der funktionellen Medizin.

SPEAKER_01

Gut, aber mal ehrlich, Christian, ist diese funktionelle Medizin nicht einfach nur, wir machen riesen viel Bluttests für teures Geld für Wohlhabende?

SPEAKER_00

Die funktionelle Medizin ist schlicht und einfach eine Weiterentwicklung und eine Weiterentwicklung ist am Anfang immer teuer, weil sie von einer kleinen Gruppe nur betrieben wird und das verursacht natürlich Kosten. Wenn ich jetzt ein Blutbild mache, dann ist das standardisiert, kaum überall gemacht und ist mittlerweile sehr billig und wenn ich jetzt neue Blutparameter definiere, dann sind die halt unter Umständen teuer. Das heißt, am Anfang eigentlich ja schon. Es ist eine Medizin für wenige, aber Ziel ist es ja, diese neue Medizin im Endeffekt für alle zugänglich zu machen. Okay, was macht denn diese funktionelle Medizin anders als die Schulmedizin? Die funktionelle Medizin beschäftigt sich mit den Ursachen der Medizin. Während die Schulmedizin sehr starr bei chronischen Krankheiten sich mehr mit Symptomen beschäftigt und selten mit Ursachen, macht eben die funktionelle Medizin die modernen Errungenschaften sich zunutze. Das heißt, sie ist in der Lage, Ursachen zu definieren, warum man krank wird und kann diese dann eben messen und dann auch therapeutisch behandeln.

SPEAKER_01

Wenn man jetzt ins Thema funktionelle Medizin eintaucht, dann geht es ja dort ganz viel, man redet immer von Diagnostik, von Laborwerten. Wie kann ich mir vorstellen, dass du jetzt als funktionelle Mediziner mehr Informationen über mich bekommst, als das in der Schulmedizin der Fall wäre.

SPEAKER_00

Nehmen wir das Beispiel der Diagnostik. In der Schulmedizin wird, wenn man zum Arzt geht, häufig ein Blutbild gemacht, ein großes Blutbild. Das ist allerdings Diagnostik für drei bis fünf Euro, also sehr, sehr günstig und spiegelt nicht annähernd das wider, was in der funktionellen Medizin möglich ist. Da haben wir tausende von Blutparametern und können viel tiefer in das ganze Thema einsteigen und viel genauere Werte machen. Deswegen ist die funktionelle Medizin reine Diagnostik schon viel spannender als die Schulmedizin.

SPEAKER_01

Okay, das ist ein Ansatz, der mich auch abgeholt hat, um mich überhaupt mit dem Thema zu beschäftigen und funktionelle Medizin zu suchen. Denn was ich früher dachte, wenn ich zum Arzt gehe und der macht mir eben dieses große Blutbild, ist, dass ich danach, weil das allein der Name Groß mir schon gesagt hat, richtig Ahnung habe, was in mir los ist. Und wir haben da quasi investiert, um mal reinzugucken, damit in meinem Fall, ich war nie krank, damit wir Prävention machen können. Jetzt sagst du, wir reden da vom großen Blutbild, von Kosten von drei bis fünf Euro. Also da würde ich jetzt nicht viel Hirnschmalz verschwenden, zu sagen, das ist ja wahrscheinlich dann gar nicht viel wert und gar nicht so aussagekräftig.

SPEAKER_00

Es sind natürlich ein paar Standardparameter, die schon ganz spannend sind, wie Schilddrüsenwerte, Blutbild, Zucker, Leberwerte, Nierenwerte. Also wir haben natürlich schon im Blutbild tolle Werte, aber es geht halt heute weit darüber hinaus. Es ist ja heute nicht nur spannend herauszufinden, dass ich zum Beispiel eine Schilddrüsenunterfunktion habe, sondern es ist ja spannend herauszufinden, warum ich eine Schilddrüsenunterfunktion habe. Und da brauche ich dann eben Spezialparameter, die auf zellulärer Ebene zu suchen sind. Zum Beispiel habe ich eine Störung im Bereich meiner Zellmembranen, habe ich eine Lipidperoxidation, habe ich eine Störung im Bereich der Mitochondrien der Schilddrüse, dann kann ich diese Marker mir anschauen. Oder ist die DNA vielleicht kaputt der Schilddrüse, der Schilddrusenzellen, der Schilddrusengene? Dann kann ich mich mit diesen Tests beschäftigen. Oder ist die Schilddrüse vielleicht toxisch belastet? Sind da zu viele Schwermetalle drin? Dann kann man das auch heutzutage messen.

SPEAKER_01

Okay, also ich würde sagen, was du jetzt gerade sagst, ist, der große Unterschied ist, dass man nicht mehr Symptome alleine anschaut und behandelt, sondern dass man auf Ursachenforschung geht. Und bei der Ursachenforschung hast du jetzt gerade ganz viele Dinge genannt, wie Vigene, wie eben Hormone, wie Toxine. Das heißt, man schaut oder ist in der Lage zu schauen, wo kommt denn wirklich diese Imbalance. Also es ist ja alles, wenn wir krank sind, was aus der Balance geraten ist, wo kommt die her? Und ist das der zentrale Aspekt dann der funktionellen Medizin?

SPEAKER_00

Genau, der zentrale Aspekt ist die Ursachensuche und nicht die Symptomtherapie. Das ist absolut der Unterschied.

SPEAKER_01

Okay, das macht für mich auch super Sinn, so mitzugehen. Wenn ich mich jetzt mich mit einem, sagen wir mal, größeren Bild beschäftigen will. Ich denke da einfach an mich selber. Das heißt, viele Leute, mit denen ich rede, die haben ein großes Interesse, Prävention zu machen. Das heißt, die rennen nicht nur zum Arzt, wenn sie krank sind und sagen, was kann ich denn jetzt machen? Sondern die sagen, eigentlich würde ich gerne mal wissen, wie steht es denn um meine Gesundheit aktuell. Vielleicht sind ein paar WWchen da, vielleicht ist aber auch nichts da und man will einfach mal sehen, was man dort machen kann. Und da habe ich gesehen, kann die Funktionmedizin ja extrem gut helfen, weil man mit einem breiteren Diagnostikspektrum schon sehr gut sagen kann, wie gesund sind zum Beispiel deine Zellen. Das ist ja so dein Ansatz, dass man von der Zelle rausgeht. Was ist da möglich und wie geht man davor?

SPEAKER_00

Also da ist ganz viel möglich, da können viele Kosten entstehen, aber man kann mit einem kleinen Panel, sag ich mal, von 500, 600, 700 Euro in der funktionellen Medizin schon sehr tief in den Zellstoffwechsel hereingehen. Wie erwähnt, man kann sich die Genetik anschauen, die Epigenetik, die Mitochondrien, die verschiedenen Organellen der Zellen, die Membranen. Man kann sich aber auch Funktionsabläufe in der Zelle anschauen. Man kann zum Beispiel den Zitronensäurezyklus durchmessen, die Energieproduktion in die Mitochondrien und gucken, gibt es da irgendwelche Störungen. Also ganz, ganz tief möglich heutzutage im Stoffwechsel zu forschen, wo liegen eventuell Ursachen für meine Krankheiten oder für meine Müdigkeit oder wo kann ich etwas präventiv machen für Longevity, für Anti-Aging.

SPEAKER_01

Ja, das ist natürlich auch gerade ein Riesentrendthema und ich glaube, deshalb besuchen viele Leute eben auch diesen Weg in die funktionische Medizin, in die Longevity-Themen. Ich sehe aber auch, das sind eben immer die Leute mit einem riesen finanziellen Muster, die natürlich, gerade wenn man dann älter ist, hat man Interesse, doch noch ein bisschen länger zu leben. Was du gerade gesagt hast, ist aber was, das finde ich gut. Also, wenn man sagt, man steigt ein mit so 600, 700 Euro, hast du gesagt, kann man schon mal einen großen Überblick kriegen über seine Gesundheit. Das ist, glaube ich, was, wo möglich ist für viele Leute, die dort präventiv tätig werden wollen. Aber die Frage ist ja, was untersuche ich da? Und du hast jetzt gerade viel erzählt von der Mitochondria. Also es geht ja ganz viel darum, wie funktionieren meine Mitochondrien, wie produziere ich überhaupt Energie. Kannst du da nochmal erklären, wie der Ansatz ist von innen nach außen? Weil ich glaube, das ist zu wenig rübergekommen.

SPEAKER_00

Genau, man fängt eigentlich, wenn man sich über seine Zukunft Gedanken macht an, immer auf der kleinsten Ebene zu suchen. Also es macht jetzt nicht Sinn, auf der großen Ebene anzufangen. Zum Beispiel, dass ich mir den Menschen anschaue und dann überlege, welche Blutwerte gebe ich jetzt, sondern ich überlege mir, okay, der Stoffwechsel, das sind Systeme, zum Beispiel das Immunsystem, das Nervensystem und dann gibt es Organe, die unterschiedliche Erkrankungen haben können. Und die Organe wiederum haben alle Zellen, also können die Problematik auf der zellulären Ebene haben. Und die Zellen haben wiederum, in den Zellen gibt es verschiedene Organellen, da gibt es eben zum Beispiel die Ribosomen, da gibt es das endosplasmatische Reticulum, die Fabriken sozusagen der Zellen, da gibt es die Mitochondrien und dann kann ich auf diese Ebene gehen. Und die Störungen fangen immer auf den kleinsten Ebenen an. Das heißt, die Störung fängt immer in der Zelle an. Dort ist das erste Problem. Und wenn ich die Zelle dann nicht saniere, dann kriegt mein Organ ein Problem und dann kriege ich meine Systeme ein Problem und dann bekomme ich als ganzer Mensch meine Krankheiten. Deswegen ist die funktionelle Medizin idealerweise da, wo es beginnt, nämlich in der Zelle suchend. Und wenn ihr dann dort was findet, kann man es schon verändern.

SPEAKER_01

Okay, ich übersetze das mal auf normale Menschen. Wenn ich mir das vorstelle wie eine Baustelle, ich will ein Haus bauen, was jetzt in dem Beispiel mein Körper sein soll, dann geht es ja darum, ich will erstmal gucken, habe ich überhaupt genug Baumaterial. Sind die Stoffe, die ich brauche für meinen Körper, sind die überhaupt anwesend? Und dann brauche ich natürlich auch die richtigen Handwerker. Das heißt, ich muss gucken, habe ich überhaupt die richtigen Fachkräfte an Bord, bin ich in den richtigen Abteilungen, also in den Organen jeweils gut unterwegs und nicht. Und ich will eine Art KPI-basierte, sagen wir mal, Performance-Messung haben, dass ich sehe, ist der Handwerker, der vielleicht der richtige ist, auch gerade motiviert zu arbeiten? Weil ich kann ja auch den besten Fliesenleger der Welt haben, wenn der gerade einen scheiß Tag hat, dann macht der halt nichts. Und das sind alles Themen, die ich mit so einem Panel schon mal anschauen kann. Und jetzt habe ich den großen Vorteil, dass ich dann sehr schnell erkenne, aha, du hast nicht ein generelles Problem, sondern bei dir ist vielleicht das Immunsystem ein Problem. Und dann kann ich anhand der Werte Rückschlüsse ziehen, zu sagen, okay, welche Werte zeigen denn hier an vom Immunsystem und sehe vielleicht, dass du im Darm ein Thema hast.

SPEAKER_00

Genau, also ich kann dann Rückschlüsse ziehen auf die verschiedenen Organe. Wenn ich in der zellulären Situation mir angeschaut habe, dann kann ich natürlich auf die Organsysteme geben und dann auf die großen Systeme, wie du schon gesagt hast, Hormonsysteme, Immunsystem, Nervensystem. Ich kann also wirklich in jede Richtung exakt untersuchen, wo das Problem liegt. Und wenn ich das gefunden habe, kann ich es auch therapeutisch angehen. Und das ist eben das Tolle. Die machen dann eine, wir machen dann eine ursachenbasierte Therapie. Warum macht das dann nicht jeder Arzt so? Es ist wahnsinnig schwierig, für die Ärzte erstmal aus ihrem Korsett herauszukommen. Weil sie haben es ja nicht gelernt. Das Studium beinhaltet nicht die funktionelle Medizin, sondern das Studium ist Evidenz-based Schulmedizin. Das heißt, als Arzt brauchst du dann im Anschluss schon wieder Fortbildung. Du musst dich tiefer damit beschäftigen. Dafür brauchst du Zeit, dafür brauchst du Geld. Viele Ärzte sind einfach schon beruflich so angespannt durch viel zu viele Patienten, durch die zunehmenden Krankheitslast, die wir haben.

SPEAKER_01

Du bist so als Arzt sowieso verpflichtet, jährlich Fortbildungen zu machen.

SPEAKER_00

Ja, aber durch, ja auch, aber es ist wahnsinnig schwierig. Du hast auch noch Bürokratie. Das heißt, du hast zwar die Verpflichtung, aber du hast nicht die Zeit dazu. Oder wenn du dann in der Fortbildung bist, bist du auch müde und kaputt. Und dann geht es natürlich darum, wer bietet diese Fortbildungen an? Die müssen jetzt zertifiziert sein von den Ärztekammern. Das heißt, funktionelle Medizinfortbildungen haben es vielleicht ein bisschen schwieriger mit einer Zertifizierung, als nicht, oder, oder es kostet auch Geld, das zu zertifizieren. Also viele Ärztekammern tun ja auch, die funktionellen Medizinfortbildungen zertifizieren, aber das ist wieder ein Aufwand, während große Konzerne, Pharmaindustrie, die sehr viele Fortbildungen macht, einfach schon viel mehr Experience drin hat, das umzusetzen. Das heißt, es ist für den Arzt auch schwierig zu entscheiden, was ist denn gut für ihn, denn er weiß ja vielleicht gar nicht, dass die funktionelle Medizin andere Lösungen anbietet. Der geht vielleicht automatisch nur zu zertifizierten Fortbildungen von der Industrie, von der glaubt man sich nicht mehr.

SPEAKER_01

Kann man das nicht erwarten von jemand, der einen gewissen Beruf erlernt hat? Also es wäre mir auch egal, was für ein Beruf, dass ich sage, man lernt was und das lernt man ja zum Zeitpunkt X. Und jede Berufsgruppe, auch die Medizin, entwickelt sich natürlich weiter. Aber das ist ja nicht anders, wenn ich mal Schlosser gelernt habe oder Bäcker. Und ich will doch immer wissen, was ist denn möglich? Und da sollte doch eine intrinsische Motivation sein, die mich fragen lässt, wie kann ich besser werden.

SPEAKER_00

Ich muss einfach aus meiner Vergangenheit einfach sagen, dass ich, als ich als Arzt angefangen habe, da bin ich jahrelang eigentlich nur zu Standardfortbildungen gegeben, die von der Industrie weitergegeben worden sind. Und das war eher ein Zufall, dass ich irgendwann mal zu einer alternativen Fortbildung gekommen bin, weil ich schon gar nicht auch an diese Themen ranbekommen bin. Wie bist du denn da hingekommen? Also erzähl doch mal aus deiner, ich glaube, das ist ja menschlich, was ist da passiert? Genau, also normalerweise kamen, wie gesagt, Leute von der Industrie, haben mir Fortbildungsmöglichkeiten geboten und man hat die halt wahrgenommen. Und irgendwann hatte ich mal einen Patienten, den ich gut kannte, der hatte so chronischen Husten. Und das kam mir schon komisch vor. Und dann habe ich den relativ schnell ins CT geschafft, in die Computertomografie. Und wir haben Dann bedauerlicherweise mitbekommen, dass er eben als Diagnose ein Lungenkarzinom hatte, oder besser gesagt, ein Portialkarzinom, beidseits inoperabel war. Also Krebs. Krebs. Und dann stand ich natürlich da, der war noch jung und wollte das ganz gerne überleben, wollte Optionen haben. Und da habe ich mich zum ersten Mal dann an den Computer gesetzt und habe einfach mal Krebstherapien eingegeben und habe auch mal das Wort alternative Krebstherapien eingegeben. Und dann kam ich auf eine Heilpraktikerfortbildung. Das heißt, ich habe mich damals zu einer Heilpraktikerfortbildung angemeldet, was für ein Arzt schon mal ein Riesenschritt ist, weil ich bin ja Arzt. Und ein Heilpraktiker ist ein Heilpraktiker. Und da bin ich mit anderen Ärzten in Kontakt gekommen, die schon länger im alternativen Bereich unterwegs waren. Und das war mein erster Schritt, der mir das Ganze geöffnet hat, weil ich eben dort auch ein paar richtig gute Fortbildungen dann von Ärzten bekommen haben, die mir diesen neue Möglichkeiten aufgezeigt haben.

SPEAKER_01

Okay, aber da hast du ja nur eine neue Welt gesehen. Das reicht ja nicht. Wahrscheinlich haben wir ja nicht gesagt, hier, guck mal, wir machen Laborwert XY und geben Vitamin C und auf einmal ist alles geil und du hast das direkt geglaubt, sondern muss ja was passiert sein, was diesen Umdenkprozess in Gang bringt.

SPEAKER_00

Also im Endeffekt hat es tatsächlich die Bücher gemacht. Ich habe mir dann Kollegen getroffen, die Bücher geschrieben haben und bin dann mit diesen Büchern nach Hause gefahren. Ich habe ja gleich dort welche gekauft und habe die durchgelesen. Und diese neuen Ansätze, die da drinnen waren, die habe ich dann recherchiert. Ich bin dann tatsächlich in die Datenbanken gegeben, PubMed, wie sie alle heißen, wo die medizinischen Studien drin sind, habe mir das an durchgelesen und habe festgestellt, dass es dazu tatsächlich ganz viele Studien auch gibt. Also dass es nicht irgendwie so aus der Schwurbelecke kam, sondern dass vieles davon Studien passiert ist. Und mir wurde relativ schnell klar dann auch, dass bei diesen hunderttausend Studien, die jedes Jahr veröffentlicht werden, dass einfach dieser Überblick gar nicht mehr möglich ist und dass man sich aktiv bemühen muss als Arzt, aktiv danach suchen muss, wenn man Studien zu gewissen Themen haben will, die vielleicht brandaktuell sind, aber einfach noch nicht publiziert worden sind. Und das war so mein erster Schritt da rein, dieses Ding aufzuarbeiten und das dann tatsächlich auch auszuprobieren. Und der Patient, der hat dann im Endeffekt überlebt, diese Krebspatienten, durch eine sehr harte Chemotherapie, Bestrahlungstherapie, aber auch durch eine. Schulmedizin, aber auch durch eine Therapie, eine funktionell medizinische Therapie, die ich dort gelernt habe, wo ich den damit begleitet habe, die dann eben dafür gesorgt hat, dass diese ganzen schulmedizinischen Therapien eben nicht so viele Nebenwirkungen hatten, dass er mehr Motivation hatte, weil es ihm nicht so schlecht gäbe, dass er besser kämpfen wollte. Also ich habe ihm einfach das Leben in seiner Krankheit verbessern können.

SPEAKER_01

Aber das ist ja spannend. Glaubst du denn, der hätte auch überlebt mit dem nur schulmedizinischen Ansatz?

SPEAKER_00

Ich glaube persönlich nein, weil die Schulmedizin hat gerade bei Krebs schon ein Problem. Also die macht sehr stark oxidative Therapien, das heißt zerstörende Therapie, Chemotherapie, Bestrahlungstherapien zum Beispiel, vergisst aber, dass man nach solchen Therapien auch eine regenerative Therapie braucht. Also der Patient muss sich wieder reparieren, regenerieren. Und dafür braucht es eben ein paar Mikronährstoffe zum Beispiel, dafür braucht es gute Worte, eine Betreuung, eine psychologische Betreuung und vieles, vieles mehr. Und ich glaube, dass diese Therapie damals den Ausschlag gegeben hat für diesen Patienten.

SPEAKER_01

Okay, das war schön, weil jetzt hast du ja das, wie ich die Medizin als Ganzes sehe, gut zusammengefasst, weil das eine war jetzt die körperliche Ebene, was man tut, aber du hast direkt auch die geistige und die seelische Ebene mit eingebaut. Also wie geht es der Person dabei? Wie hat man Gespräche? Ich glaube, das ist auch ein Faktor, der in der Medizin allgemein extrem vernachlässigt wird. Und da gibt es ja auch ganz viele, auch dort gibt es ja Studien, wenn man so will, wo man einfach sieht, wenn man mit Leuten redet, oder wenn die einfach eine schönere Umgebung haben, wie Pflanzen im Krankenhauszimmer, dass dieser Genesungsprozess, bei egal was man hat, viel besser und schneller funktioniert. Inwieweit geht denn die funktionale Medizin auch auf diese Ebenen Geist und Seele mit ein?

SPEAKER_00

Es ist ganz wichtig, es ist ein integraler Bestandteil der funktionellen Medizin, alle Ebenen miteinander zu verbinden und nicht rein nur bei der körperlichen Ebene zu bleiben. Für einen guten funktionellen Mediziner sind Körper, Geist und Seele definitiv ein Komplex, den man ganzheitlich komplett behandeln sollte und das sollte man auf keinen Fall weglassen.

SPEAKER_01

Okay, das ist schon mal ein Ansatz, den ich sehr stark mitgehen kann, weil ich denke, der Mensch ist eben nicht nur eine Maschine. Und viele, viele Menschen, die sich jetzt krank fühlen, die sich alleingelassen fühlen, die sich von ihrem Arzt auch zu wenig beraten fühlen, die möchten ja gerne mehr Informationen haben und tiefer reingehen und sich überhaupt mal verstanden fühlen. Und ich glaube, das sind Ansätze, wo Menschen überhaupt gerade wieder kompatibel gemacht werden können mit der Medizin. Jedoch, alles, was wir jetzt besprochen haben, hast du immer in so eine Art Klammer gesetzt, dass du brauchst schon einen besonderen Arzt, der bereit ist, über den Tellerrand zu gucken, der bereit ist, Wege zu gehen, die vielleicht nicht alltäglich sind oder normal, die man nicht sieht als Arzt, wenn man aus dem Studium kommt. Und du brauchst jemanden, der sich das leisten kann, weil Geld ja auch jetzt gerade immer ein Thema war.

SPEAKER_00

Ich glaube einfach, wir brauchen Ärzte, die sich nicht in ein Korsett pressen lassen. Wir müssen wieder verstehen, dass früher gab es ja dieses geflügelte Wort, wer heilt, hat recht. Und das ist, wo wir wieder hinkommen müssen. Wir müssen wieder den Ärzten erlauben, über den Tellerründ zu blicken, alternative Therapien auszuprobieren, gerade bei den schweren chronischen Krankheiten ist es ja so wichtig, dass man auch guckt, wie kann es weitergehen, moderne neue Verfahren mit in die Therapie einbringen. Weil, wenn wir das so pressen in so einem Korsett, dann hat ja keiner mehr Lust, im Endeffekt was Neues aufzunehmen, weil es eben nicht leitliniengerecht ist, weil es wieder nur Stress macht, weil es wieder Arbeit macht, weil nicht bezahlt wird. Und davon müssen wir wieder weggehen, wir müssen wieder offen werden. Denn nur wer offen ist für Neues, kann im Endeffekt sich weiterentwickeln.

SPEAKER_01

Wer kann das denn anstoßen? Weil wir haben ja jetzt, wir haben das System, wir haben den Arzt, wir haben den Patienten. Also von wem aus muss diese Revolution kommen?

SPEAKER_00

Von den Universitäten. Die Universitäten sind der zentrale Schlüssel für die Weiterentwicklung. Dort wird geforscht, dort wird gelehrt. Und das, was die Universitäten erforschen, was die Professoren ein Neues zutage bringen, was sie dann in ihre Lehre einbringen, das ist im Endeffekt auch das, was für die Leitlinie hergenommen wird.

SPEAKER_01

Gut, aber da muss ich mal reingrätschen, weil ich mache ja selber viele Studien. Das heißt, ich bei Oper ARD zum Beispiel, wo ich mit einer Uni aus der Schweiz zusammen diese Kältestudie gemacht habe, weil ich immer gucken will, wenn ich irgendwo eine Studie lese, dann nehme ich die Idee wahr und sage, macht das für mich Sinn? Und dann ist meine nächste Frage, kann ich das denn am eigenen Körper nachstellen? Und da muss ich jetzt einfach aus meiner beschränkten Erfahrung hier als gelernter Wirtschaftsjurist mal sagen, wenn man sich mit diesen Studien beschäftigt, ist das unglaublich beschissen, wenn ich ehrlich bin. Weil zum einen haben wir ganz krasse Laborbedingungen, die du in der normalen Welt nie finden wirst und Studien funktionieren in der Regel aus meiner Sicht sehr isoliert. Das heißt, man sieht nie diese komplexen Interaktionen von verschiedensten Systemen, wie auch deinem Lifestyle. Und das zweite, viel größere Problem aus meiner Sicht, ist immer, wenn ich mit Unis rede, geht es darum, wer bezahlt das? Weil die Universitäten, die wurden vor gut 20 Jahren an die Wirtschaft ausgelagert. Da hat man eben nicht gesagt, hey, wenn du eine Studie machen willst, als Wissenschaftler, der eine geile Idee hat, dann hast du einen gewissen Topf zur Verfügung. Also den haben die immer noch, aber der ist minimal. Und wenn du eine größere, geile Studie machen willst, die auch nach diesen ganzen wissenschaftlichen, doppelblinden und was weiß ich Sachen nicht angreifbar ist, dann brauchst du so viel Geld, du musst einen Sponsor dafür haben. Und für viele Sachen, gerade jetzt auch in der funktionellen Medizin, allein wenn ich jetzt an Themen wie Eisbaden denke oder leg dich mal in die Sonne, ist ja keiner bereit, Millionen zu investieren. Das heißt, du sorgst damit ja automatisch dafür, dass die Studien, die entstehen, zum größten Teil finanziert werden von jemand, der auch diesen monetären Background dafür hat.

SPEAKER_00

Genau, das ist das Kernproblem. Was wir brauchen, wir brauchen aber trotzdem die Universitäten. An der Universität wird geforscht und da muss das neue Wissen herkommen. Aber wir brauchen eine unabhängige Finanzierung, keine von der Industrie, es darf Industriestudien geben, ist auch in Ordnung, aber es muss auch unabhängige vom Staat finanzierte oder von Stiftungen finanzierte Forschung geben. Und man muss darauf achten, dass diese Forschungsgelder und die Industriegelder ungefähr gleich sind gewichtet. Wenn ich eine Milliarde von der Industrie bekomme, brauche ich auch eine Milliarde vom Staat, die unabhängig sind, sodass nicht dieses Missverhältnis entsteht. Und das ist eigentlich das größte Problem. Das hast du richtig erkannt. Wir haben zu wenig Gelder, die frei und für unabhängige Studien hergenommen werden können und zu viele Gelder, die durch Industrie vorgegeben ist und damit haben wir eine Verschiebung auch in die Ergebnisse hinein, die natürlich dann so sind, wie sich die Industrie das wünscht, weil die macht natürlich auch keine Studien, die alle negativ sind. Das verbrennt ja einen Haufen Geld.

SPEAKER_01

Ja, Logo. Nur, also das ist eben was, ich habe da auch keine schlaue Lösung für, aber ich finde das ganz wichtig, das herauszubringen. Weil früher war ich selber so, ich habe gesagt, oh, es gibt eine Studie. Studien sind ja gut, weil da wird was belegt. Und dann liest man irgendwo ein Buch, wo jemand sagt, ja, Studien, passt mal ein bisschen auf oder liest doch mal eine Studie. Dann habe ich angefangen, das zu lesen und gemerkt, das ist scheiße kompliziert und ist echt schwierig. Also habe ich einfach mal geglaubt, was da steht. Bis ich nachher gesehen habe, ich kann Sachen am eigenen Körper eben nicht so wiederherstellen. Und dann, das dauerte Jahre, habe ich versucht, wirklich mal so eine Studie zu lesen. Und da gibt es zum Beispiel auch richtig coole Internetseiten, die dir eben helfen, auch zu gucken, wer hat eine Studie überhaupt finanziert, wie funktioniert die, und gesehen, dass das ultra komplexes Thema ist, was man gar nicht so leicht einfach mal reinwerfen kann. Also nicht alles, was eine Studie besagt, ist ja unbedingt das, was für dich nachher richtig oder falsch sein sollte. Und deshalb braucht es eine gewisse Art der Eigenverantwortung. Und ich glaube, was du jetzt gesagt hast, ist ein schöner Zusammenschluss. Es braucht eine Veränderung im ganzen System.

SPEAKER_00

Es braucht eine Veränderung im ganzen System. Es fängt tatsächlich an beim Geld. Es muss unabhängiges Geld geben. Es muss eine Verpflichtung geben, von den Universitäten und diese unabhängigen Studien zu begleiten und umzusetzen. Das ist auch immer nochmal ganz wichtig. Und es muss auch eine neue Variante geben, wie diese Studien publiziert werden. Weil wir momentan dann diese Fachgremium haben, Fachorgane, Fachzeitschriften, wo eben wieder nur ganz wenige Leute entscheiden, was dort publiziert wird. Und dementsprechend wird so eine selektive Auswahl getroffen von dem, was tatsächlich dann rausgebracht wird, dass da auch schon wieder komplett vieles Wissen verloren geht. Aber diese wenigen Fachorgane bestimmen wiederum die Leitlinien. Und das ganze System ist mittlerweile festgefahren. Man hat einfach versucht, mit wenig Kosten sozusagen reproduzierbare, super reproduzierbare Ergebnisse zu bringen, damit man eine Leitlinie bauen kann, die evidenzbased ist. Das war nachvollziehbar, aber die Folge ist ein so starres System, dass das inzwischen sinnfrei geworden ist und vor allen Dingen maximal manipulierbar geworden ist.

SPEAKER_01

Gut, ich glaube, das ist was, wo ich persönlich mir ganz viele Hoffnungen in ganze Richtung KI mache, weil wir durch KI ja in der Lage sind, viele Sachen, also das, was früher in Metastudien gemacht wurde, dass man viele Studien nebeneinander legt und guckt, was Jahre gedauert hat und man vielleicht noch diesen menschlichen Bias hatte, der was verfälscht hat, kann die KI ja sehr neutral in Sekunden machen. Und ich glaube, das dauert nicht lange, das sieht man jetzt schon in vielen Bereichen, wo einfach Dinge hochkommen werden und für ein Umdenken sorgen können. Ich hoffe, dass das einfach so auch durch die funktionelle Medizin sich dann ziehen wird und das System langsam verändert.

SPEAKER_00

Es ist schon dabei. Also ich habe ganz viele Patienten mittlerweile, die kommen dann und geben die Laborwerte, die sie bekommen, bei der KI ein und kommen dann zu mir und sagen, welche Therapie sie haben möchten oder ob die Therapie gut ist. Das heißt, ich hoffe auch auf die KI. Wenn sie dann eben nicht reguliert wird, was eben wieder zu befürchten ist, wir machen uns gerade Hoffnung, aber wenn es dann wieder Regularien gibt, die die KI regulieren, dann wird es halt schon wieder schwierig.

SPEAKER_01

Klar, das ist wieder ein anderes Thema für zehn weitere Folgen. Ich glaube, für mich ist für so eine Folge haben wir, glaube ich, einen tiefen Einblick. Mal gegeben, was funktionelle Medizin macht, aber eben auch, wo Grenzen bestehen, die noch da sind. Ein Thema, was mich zum Schluss da noch ein bisschen nachbohren lässt, ist immer dieser Thema der Mensch. Das ist ja was, was wir auch oft diskutieren. Ich sehe auch mit funktionellen Aspekten, fehlt mir ganz häufig diese Thematik. Also ich habe die letzten Jahre in meiner Erfahrung einfach gesehen, dass wirklich ausnahmslos bei jeder Krankheit und Symptomatik, die jemand hat, ja immer auch Themen, also psychosomatische Themen im Hintergrund stehen. Und das ist aus meiner Sicht was, wo die Medizin noch ganz weit weg von ist.

SPEAKER_00

Ja, also das ist sie tatsächlich, denn wir haben entweder in der Medizin eine körperliche Thematik oder wir haben eine psychische Thematik. Und in der Psyche, es wird alles viel zu früh in der Regel auf die Psyche geschoben, ohne die körperliche Thematik wirklich abzuklären. Und wenn wir dann die psychischen Thematiken haben, dann haben wir viel zu wenig Therapien und Therapieoptionen, um da wirklich dahinter zu steigen, was diese sind, es wird sehr vereinfacht, dann auch wieder versucht zu lösen und im Großen und Ganzen gebe ich dir recht, das funktioniert momentan nicht.

SPEAKER_01

Ja, ich denke, auch da kann und darf sich in Zukunft noch ein weiterer Blickwinkel ergeben, weil die Sachen hängen ja zusammen. Also es gibt auch da genug Beweise, egal ob durch Studien oder was auch immer, dass man sieht, der Körper beeinflusst immer die Psyche. Sachen wie Powerposing, ich stelle mich anders hin und auf einmal fühle ich mich anders. Oder Dinge wie eingebildete Übungen, wo Muskeln wachsen, einfach nur, weil ich es mir vorstelle. Das sind Sachen, die man ja nicht mehr wegdiskutieren kann und die beweisen ja den Zusammenhang dieser Ebenen.

SPEAKER_00

Na gut, Psyche ist für viele noch tatsächlich etwas, was vom lieben Gott kommt. Also etwas, was man sozusagen aus dem großen Feld verändert, ist die Psyche und hat nichts mit körperlicher Thematik zu tun. Aber in der Realität ist es ja tatsächlich so, dass psychische Erkrankung mit Stoffwechselveränderungen einhergehen, wie veränderte Neurotransmitterproduktion, wie Neuroinflammation, also Entzündung vom Gehirn, wie Veränderungen mit dem Darm, toxische Stoffe, die es beeinflussen können. Das heißt, Körper, Geist und Seele sind einfach nicht trennbar, sie sind im Körper miteinander verschaltet und deswegen muss man sie immer gemeinsam betrachten.

SPEAKER_01

Okay. Was sind unsere drei Corechecks, die wir den Leuten mitgeben können?

SPEAKER_00

Corecheck Nummer eins ist, die funktionelle Medizin ist eine wissenschaftlich basierte Weiterentwicklung der Schulmedizin und eine sinnvolle Option für jeden Patienten.

SPEAKER_01

Corecheck Nummer zwei, die funktionelle Medizin ist für mich ein Zwischenschritt für die Medizin der Zukunft. Es darf sich aber auch noch weiteren Ebenen in Zukunft gewidmet werden und vor allen Dingen das System geöffnet werden.

SPEAKER_00

Callcheck Nummer drei, die funktionelle Medizin kostet Geld, aber sie ist eine tolle Option für deine Prävention. Bessert sie gereimt. Ja, das ist cool.

SPEAKER_01

Christian, das war ein tiefer Einblick ins Bereich der funktionellen Medizin. Wir haben zuletzt über den ganzen Thema Psyche und Körper geredet. Und da spielt der Darm natürlich eine ganz große Rolle. Da werden wir in der nächsten Folge uns mal ein bisschen den Abgründen in unserem Abdomen widmen.

SPEAKER_00

Ja, lass uns tief in das Innere unserer Darmschläuche eindringen und mal gucken, was da so los ist.

SPEAKER_01

Ich freue mich bereits drauf und freue mich vor allem, dass ihr dran geblieben seid. Wenn ihr geile Themen habt, die wir hier besprechen können oder auch Erfahrungen, die ihr gerne teilen möchtet, schreibt uns das mal in die Kommentare, weil wir werden in den nächsten Folgen ganz stark bemüht sein, Themen zu finden, die natürlich bei euch als unseren Zuhörern Anklang finden und die uns dann weiterbringen. Mega. Danke, Christian.